Psychohygiene

Persönlich nicht ganz einfache Zeiten sind dies. Den Kopf freibekommen bei der werten Rheinländischen Verwandtschaft, war die Idee. Und mal wieder nach Müngersdorf. Ob denn ein Tag ausgerechnet „auf der Bahn“ und im Anschluss beim FC die richtige Therapie sei, schien gleichwohl auch eine berechtigte Frage, sind beide Institutionen doch nicht eben für ihre Verlässlichkeit bekannt. Aus diesem Grund wähle ich dann auch die Früh-Variante zur Anreise. Auf der Hinfahrt begleiten mich dabei nicht wenige St.Paulianer, deren Weg sie heute nach Dortmund führt. Krass, denke ich, wieviele Ultras heute ICE fahren. Damals, ja damals… ich werfe an dieser Stelle mal den Song „Wochenendticket“ der Berliner Deutschpunkcombo „Terrorgruppe“ in den Raum. Ab Hannover kommt meine heutige Anreise in ihre kritische Phase. Die Verspätung wächst deutlich an, den Kölner Dom sehe ich schließlich etwa 75 Minuten später als eigentlich geplant. Nun wird es doch ein wenig eng, weshalb ich mich gegen den Fußweg und für die KVB-Fahrt zum Neumarkt entscheide. Ein Fehler, wie sich rasch herausstellt. Kurz nach ihrer Abfahrt bleibt die gewählte U-Bahn plötzlich stehen. Für etwa 15 Minuten geht nichts mehr. „Wir werden alle sterben!“, ruft ein junger Mann mit Handicap, den ich zu beruhigen weiß, dass dies irgendwann, aber eben nicht unmittelbar in den Kölner Unterwelten geschehen wird. Nicht den nahenden Tod, aber die verspätete Ankunft am Stadion vor Augen, werde ich nun aber auch zunehmend unruhig. Um mich kurz zu fassen: Es geht letztlich alles gut. Immerhin gerade noch 15 Minuten vor Spielbeginn scanne ich mein Ticket und betrete das Müngersdorfer Stadion. Endlich mal wieder! Es fühlt sich einfach gut an. Mein Platz ist diesmal im Norden. Meinetwegen. Nach dem ritualisierten Drumherum mit Hymne und diesmal einer Meisterchoreographie der Südkurve geht es los. Rein sportlich erwarte ich nach den letzten Wochen nicht viel, ist der FC nach einem vielversprechenden Saisonstart doch zuletzt ziemlich abgeschmiert. Der heutige Gegner Mainz 05 steht zwar am Tabellenende, scheint sich aber unter seinem neuen Trainer deutlich stabilisiert zu haben. Das dürfte heute folglich eher zäh werden. Und das ist es zunächst auch. Der FC ist zwar leicht tonangebend, aber in seinen Aktionen das Gegenteil von zwingend. Die Südkurve feiert sich selbst und mit Spruchband und Pyrotechnik die Fanfreundschaft zu den Dortmunder Ultras. Im Laufe der ersten Halbzeit wird die Gastmannschaft langsam aktiver. Mit ihrer zweiten gelungenen Aktion gehen die Mainzer dann auch direkt in Führung. Der FC wackelt in der Folge bedenklich und hat ein wenig Glück, zur Pause nicht höher zurückzuliegen. Die Stimmung droht zu kippen, ein Pfeifkonzert begleitet die Kölner Kicker in die Kabine. In dieser scheint der gerade eher umstrittene Trainer die richtigen Worte zu finden. Grundsätzlich: Seine Entscheidung, den kölsch-typisch gehypten „El Maladona“ auch mal von der Bank zu bringen, kann ich voll nachvollziehen, seine sonstigen Personalentscheidungen mangels Nähe hingegen tatsächlich schwer beurteilen, aber gefühlt sitzt da gerade nicht unbedingt ein Vollsympath auf der FC-Trainerbank. Aber wie gesagt: Die Kabine scheint er nicht verloren zu haben, denn nach der Pause gibt der FC Vollgas und macht fortan richtig Spaß. Es entsteht eine Symbiose mit den Fans, das Stadion ist jetzt da. Der Ausgleich fällt folgerichtig. Und da der FC jetzt nicht aufhört, kommt es kurz vor dem Ende der Partie schließlich zur Eruption: 2:1. Wie schon beim Ausgleich Ache per Kopf. Kölle Alaaf! Schluss! Viva Colonia! Und beseelt verlasse ich Müngersdorf. Viel Stress ist in diesem Moment vergessen. Hierher sollte ich häufiger kommen. Psychohygiene? Check. Das Wohlfühl-Programm wird schließlich bei der Verwandtschaft fortgesetzt. Und die Rückreise nach Schleswig-Holstein erfolgt dann am Folgenachmittag auch total entspannt: Der genutzte ICE erreicht den Kieler Hauptbahnhof sogar anderthalb Minuten zu früh.

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