Jahresabschlussfeuerwerk

Besonders einfallsreich mag es nicht sein, aber das letzte Spiel dieser eher tristen Halbserie findet für mich am Kieler Westring statt.
Beim nachmittäglichen Kaffeetrinken mit einem am Abend im Holsteinstadion eingesetzten Kameramann fällt der spontane Entschluss zum Besuch. Es sind zu diesem Zeitpunkt nur noch Karten in unmittelbarer Nähe zum Gästeblock erhältlich. Egal, schreckhaft bin ich nicht! Meine letzten Erfahrungen mit dem Hühnerhof aus dem Tal der Ahnungslosen sind tatsächlich schon einige Jahre her und haben ja nichts mit mir persönlich zu tun. Schön damals: Ein 1:0-Drittligaauswärtssieg Babelsbergs in Elbflorenz, weniger nice: Die Faust des Ostens. Heute treffen hier zwei strauchelnde Zweitligisten aufeinander. Guten Fußball verspricht das nicht. Das Drumherum dafür: Samstagabend, Flutlicht, Jahresabschluss.
Mit dem Anstoß leuchtet es zunächst im Heimblock, der sich eine ganz respektable Weihnachtschoreo zusammengewerkelt hat. Die SGD-Fans bauen zunächst mehr auf Lautstärke, als auf Kreativität. Letztere verbindet man mit den Sachsen ja auch eher weniger. Die Mitmachquote hingegen ist auch im gesamten Sitzplatzbereich der Gäste hoch. Dargeboten wird Schlichtes, Eingängiges, Bekanntes: „Düdüdüdüdüdünanananananamomomomomomo…“, „Von Dresden bis zum Kosovo…“ und so. Mit dem ersten brauchbaren Angriff gehen die Gäste dann tatsächlich auch direkt in Führung, was der Dresdner Stimmung einen Push gibt, den es gar nicht gebraucht hätte. Holstein ist danach bemüht, aber ideenlos. „Was für ein grausamer Kick!“, bilanziere ich bereits nach knapp 20 Minuten gen befreundetem Kameramann, als ein Dresdner patzt und der KSV den Ausgleich ermöglicht. Bis zur Pause wird das Niveau dann nur bedingt besser, die KSV Holstein ist nun gleichwohl überlegen und lässt mehrere Chancen aus, in Führung zu gehen.
Die Pause nutzt dann jeder auf seine Art. Die Spieler sammeln sich und tüfteln an der weiteren Halbzeit, ich hole mir einen Punsch und die Dresdner ziehen sich um. Beziehungsweise drehen ihre Bomberjacken auf „Orange“. Was das heißt, ist klar: Ostdeutsche Radauattitüde on! Dass es hier gleich knallen, rauchen und glühen wird, ist klar, der Startzeitpunkt ist dann aber deutlich misslungen. Die Rakete zum „Go“ fällt mitten hinein in den Kieler Führungstreffer. Während der Rest des Stadions jubiliert, ballert die gelb-schwarze Anhängerschaft einen kompletten tschechischen Pyroshop in die bis eben noch so reine Fördeluft. Von vorne sieht das bestimmt geiler aus, als von schräg hinten. Was gleichwohl weiterhin Mist ist: Raketen gen Spielfeld oder anderer Tribünen. Aber wem soll man da mit Vernunft kommen, wenn es darum geht, den Ostpack-Habitus zu feiern: Wir, die Berüchtigten, die Verdammten! Dynamo Dresden – die Bösen Onkelz unter den Fußballfanszenen… Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Respekt oder Mitleid fühlen soll. Zu Letzterem tendiere ich, als der SGD-Capo in die eigene Kurve brüllt: „Leit! Lauder! Mir vertrete hier Ostdeutschland!“ Aber vielleicht halte ich an dieser Stelle lieber mein Dummes Wessimaul… Was mich aber freut: Ein paar einzelne antirassistische SGD-Schals. Immerhin wird also nicht jedes Klischee bedient! Während der Gästeblock einen ca. zwanzigminütigen SG Dynamo – Walzer zu tanzen beginnt, stemmt sich das schwarz-gelbe Team gegen die nun drohende Niederlage und haut alles rein. Sogar der alte Kutschke darf sich ausprobieren, kann aber nicht verhindern, dass Dynamo Dresden nach einigen vergebenen Chancen schließlich als Verlierer vom Platz und als Tabellenletzter in die Winterpause geht. Die KSV Holstein sichert sich in einem wirklich sehr mäßigen Fußballspiel drei wichtige Punkte, wird aber die Pause auch dafür nutzen müssen, sich zu hinterfragen.

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