Hannoversche Farbenlehre

Kurz vorm Urlaubsende verschlägt es mich für zwei Tage in die Stadt zwischen Ihme und Leine, Mittellandkanal und Maschsee: Nach Hannoi, Hangover, in die Schützenstadt, nach „Nix is doofer!“, in die Chaos-Tage-Metropole und Kapitale des mittlerweile von uns gegangenen Wochenendtickets: „Heute Hannover und morgen die Welt!“ Und dort? Freunde, Kultur und ein wenig Fußball.

Nach zwei fesselnden Museumsbesuchen verschlägt es mich am bereits fortgeschrittenen Samstagnachmittag auf die Bult, nach Bischofshol. Dort steht das Landesligaderby zwischen der ebenda beheimateten Arminia und dem OSV Hannover auf dem Programm, das vor gerade einmal 45 Jahren noch ein Zweitligaduell war.
Damals agierten die trotz grün-weißer Vereinsfarben regelmäßig in blauen Trikots spielenden Arminen noch annähernd auf Augenhöhe mit dem Hannoverschen Platzhirsch 96, den so genannten Roten, deren Vereinslogo nur die Farben Schwarz, Weiß und Grün beinhaltet. Und der damals dank eines umfangreichen Mäzenatentums aufstrebende – übrigens durch und durch rot-weiße – Oststädter Sportverein aus dem Nordosten der Stadt durfte für einige wenige Jahre auch mitmischen. Die in Bezug auf die Arminia und 96 irritierende Farbenlehre ergibt sich übrigens aus einer speziellen Hannoverschen Regelung, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts vorherrschte: Jede Trikotfarbe durfte in der Leinestadt nur einmal vergeben werden. Das sowohl von Arminia, als auch von den 96ern bevorzugte Grün nutzte bereits der HSC, die Arminia spielte daher fortan in blauen Trikots, 96 eben in rot. Ob dieser Farbenkonflikt der Grund dafür ist, dass man bei der Arminia noch heute den HSC nicht mag, ist mir nicht bekannt.
Heute jedenfalls kickt die Arminia nur noch in der sechstklassigen Landesliga, in die just der Abstieg erfolgte. Und der Saisonstart des verjüngten Teams verlief dann auch noch eher schwierig…
Als ich eine knappe halbe Stunde vor Spielbeginn am Rudolf-Kalweit-Stadion ankomme, zeugt eine für die genannte Spielklasse eher ungewöhnliche Schlange vorm Kassenhäuschen jedoch davon, dass die Arminia kein ganz gewöhnlicher Landesligist ist. Mein Weg führt mich dann in die im Bauch der alten Haupttribüne beheimatete Vereinsgaststätte des Vereins, in der der Geist der 1960er bis 1980er Jahre weiterzuleben scheint. Auf dem Klo bekomme ich dann angesichts der dortigen Stickerflut eine Ahnung davon, in welche Richtung das hier geht: So Altona93BremerSVTennisBorussia – mäßig. Subkulturell angehaucht. Selbstironisch. Antirassistisch. Sympathisch. Am Fanshopstand, am Tresen, in der Kurve, auf der Tribüne bestätigt sich dieser erste Eindruck.
Während des Spiels gibt es für die Heimmannschaft ein wenig Support aus dem Stehplatzbereich hinter dem Tor. Hier steht die kleine aktive Arminia-Szene. Auf der urigen und heute gut gefüllten Haupttribüne lassen sich derweil diejenigen nieder, die zum Teil bereits die glorreichen Zeiten des Vereins live miterlebt haben dürften. Und der ein oder andere Vertreter der groundhoppenden New Balance – Armada. Ich hingegen: Fred Perry. So nämlich!
Das Spiel an sich bietet zunächst wenig Highlights, plätschert dahin. Es ist halt trotz der Rahmenbedingungen immer noch Landesliga… Zur Pause – es sind noch keine Tore gefallen – gibt´s eine Ladung sensationeller Pommes und einen Perspektivwechsel. Ich siedle in die spärlich besetzte Gegengerade um. Von hier aus sehe ich, wie die Arminia stärker wird und zur allgemeinen Begeisterung zwei rasche Tore erzielen kann. Mit ihrem einzig gelungenen Spielzug können die in der Tabelle höher positionierten Gäste dann noch den Anschlusstreffer erzielen, schaffen es in der Folge dann aber nicht mehr, die Heimmannschaft zu gefährden, sodass die Arminia schließlich – das entnehme ich einer raschen Internetrecherche! – ihren ersten Heimsieg im Jahr 2025 feiern kann. Uff, das ist wirklich hart!

Wie auch immer: Es hat Spaß gemacht bei der Arminia. Avanti!

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