Die Saison 2023/2024 mit all ihrem Mist – nein, ich möchte nicht über den 1.FC Köln reden! – und auf der anderen Seite auch großartigen Entwicklungen – am Kieler Westring ebenso wie am Millerntor! – neigt sich dem Ende entgegen. Im gehobenen Amateurbereich bedeutet das, die Aufmerksamkeit auf ein echtes Highlight richten zu können, den „Finaltag der Amateure“.
In Schleswig-Holstein wird das Endspiel um den Landespokal in diesem Jahr zum Dorfevent. Todesfelde, ein 1000-Einwohner-Nest im Nirgendwo zwischen dem bei freilebenden Wölfen besonders beliebten Segeberger Forst und dem Erlebniswald Trappenkamp, ziemlich genau auch im Ausbaugebiet der immer mal wieder geplanten A20 gelegen, beheimatet neben einem Barfußpark auch einen mittlerweile wenigstens in Schleswig-Holstein bekannten und hier zuletzt mit dem Gewinn der „Flens-Oberliga“ auch recht erfolgreichen Fußballverein. Von „Jodas“ Gnaden übrigens. JODA – so heißt ein großer Holzhandel aus dem benachbarten Daldorf, dessen Chef glühender „Tofe“-Fan und umtriebiger -Mäzen sein soll: JOrkisch-DAldorf. Entsprechend trägt der mit allerlei Holzgebilden wie z.B. einer kleinen „Nordkurve“, einer nicht eben viel größeren Haupttribüne sowie einem überdachten Tresenbereich aufgemöbelte Dorfsportplatz auch den Namen JODA-Sportpark.
Sind „Tofe“-Heimspiele in „Deathfield“ schon an sich Highlights in einer der eher langweiligeren Regionen des nördlichsten Bundeslandes, so ist heute ohne Frage noch einmal ein besonderer Tag: Das Fernsehen ist zwecks Live-Übertragung am Start, über 1500 Zuschauer werden erwartet, der Dorfbürgermeister dabei ebenso wie die Innenministerin des Landes Schleswig-Holstein. Und der in der Nähe lebende Horst Hrubresch.
Entsprechend vorbereitet ist man: Die freiwilligen Feuerwehrleute aus Bark, Fredesdorf undsoweiterundsofort sind in ihrem Element und dürfen den Verkehr regeln. Sie leiten die beinahe ausschließlich per PKWs anreisenden Fußballfreunde auf die unterschiedlichen frisch gemähten Wiesen und Äcker am Dorfrand. Vorbereitung ist alles. Über den Nebeneingang, an dem auch die Gästefans aus Lübeck die „Arena“ entern sollen, geht’s ran ans Grün. Erst einmal umsehen! Ich schreite an der Ladefläche eines überdimensionierten JODA-LKW-Hängers vorbei. Auf diesem ist heute stilecht die Pressetribüne beheimatet. Hinter der kleinen Holztribüne gehe ich die Gerade entlang zum Dorffest. Eben dieses tobt eine knappe halbe Stunde vor Spielbeginn bereits in der „Tofe“-Kurve. In einem Bretterverschlag wird gefachsimpelt, dummgeschnackt und zu Ballermann-Musik gesoffen. „Ganz weit vorn mit Cola-Korn!“, lautet das Motto. Vorbei an der größeren Bushaltestelle, die sich als „Nordkurve Todesfelde“ ausweist und dem VIP-Bereich schlendere ich in Richtung Gegengerade, deren Traversen überraschenderweise nicht aus Holz sind. In Höhe der Mittellinie – direkt neben dem Gästeblock – finde ich einen Stehplatz mit gutem Blick aufs Grün. Links und rechts von mir: „Tofe“-Supporter. Auffallend ist die für einen Dorfverein hohe Dichte an Fanartikeln. Mein Favorit: Ein ultraesker Seidenschal mit Sponsorenlogo. JODA ist überall.
Kurz zu den Gästen: Es sind einige hundert Adler-Supporter am Start. Die Fanszene scheint sich gerade zu entwickeln. Positiv fallen mir ein Regenbogenbanner und ein „Love Phönix – Hate Racism“-Transpi auf. Beim Lokalrivalen VfB Lübeck, von dessen Spacko-Fans die Phönix-Leute angesichts ihrer eher geringen Anzahl und mangelnden Ultra- bzw. überhaupt Supporter-Historie vermutlich eher nicht ernstgenommen werden, wäre dergleichen undenkbar. Moloch Lohmühle. Sportlich gesehen werden sich die beiden Lübecker Vereine jedoch in der kommenden Saison erstmals seit Ewigkeiten ohne eine klare Favoritenrolle begegnen, in dieser Saison gelang es Phönix bereits, den VfB im Landespokal auszuknocken. Der Adler, einer der großen Traditionsvereine Schleswig-Holsteins, fliegt wieder hoch. Und ist beim heutigen Pokalfinale in Todesfelde als klassenhöherer Regionalligaverein ohne Frage favorisiert.
Hier aufm Dorf ist jetzt zum Einmarsch der Mannschaften „Durchdrehen“ angesagt. Zumindest fordert das die korngetränkte Nordkurve und unterstreicht ihren Wunsch mit ein wenig Rauch und Konfetti.
Im Anschluss werden die Sinne mit regionalem Pathos vernebelt: „Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht!“ So sehr ich unser Bundesland, das selbstverständlich das schönste aller mir bekannten ist, auch liebe: Dieses Lied geht gar nicht.
Während ich noch über zeitgemäßere Ausdrucksformen eines reflektierten Lokalpatriotismus sinniere, ertönt der Anpfiff.
Todesfelde ist von Beginn an „on fire“ und legt los wie sämtliche freiwilligen Feuerwehren des Kreises Segeberg. Die zweite, dritte, vierte Welle sorgt für die frühe Führung des Außenseiters: „Durchdrehen, Todesfelde!“
Phönix schüttelt sich einmal kräftig und beginnt dann das Spiel anzunehmen. In der Folge entwickelt sich ein Spiel, in dem die Gäste den deutlich reiferen Ball spielen, die Heimmannschaft aber stets dagegenhält. Kurz nachdem die „Nordkurve Todesfelde“ mit dem Spruchband „In Lübeck nur der VfB!“ einen mäßig ambitionierten Provokationsversuch in Richtung der heutigen Gäste gestartet hat, nickt deren Abwehrchef nach einem Eckball zum hochverdienten Ausgleich ein. Der Gästeanhang, in dessen Mitte verstörenderweise ein Adler-Maskottchen herumturnt, jubiliert.
Bis zur Halbzeit, in der ich mir eine tatsächlich ganz ausgezeichnete, einem vernünftigen Dorffest tatsächlich angemessene Bratwurst genehmige, passiert nichts mehr. Und nach der Wurst ist vor dem Spaziergang. Ich tauche einmal kurz ein in das Gewusel an der Bretterbude und gehe dann einmal herum zum Gästeblock, wo ich mir einen Eindruck verschaffen möchte, wer so im Phönix-Block steht. Der Eindruck ist: Normalos, Jugendspieler, Vereinsmenschen, ein paar Supportwillige. Das hier ist natürlich weniger gewachsene Fankultur als beim Stadtrivalen, aber der Assi-Faktor ist auch deutlich geringer. Das Spiel läuft derweil wieder und ich habe mir einen Platz direkt hinter dem „Tofe“-Kasten gesichert. Phönix wird immer dominanter und geht nach einem Freistoß hochverdient in Führung. Mein Glück ist, dass ich im richtigen Moment die Handykamera – siehe unten! – bediene. Den Rest des Spiels verfolge ich hinter der Gästebank. Kurz vor dem Abpfiff der Partie und eine rote Karte für einen frustrierten „Tofe“-Kicker später gelingt Phönix Lübeck das 3:1 – die endgültige Entscheidung. Ich lasse den Jubel der Gäste und die Enttäuschung der Gastgeber noch ein wenig auf mich wirken, bevor ich über den Parkplatz-Acker zurück zu meinem Auto stakse. Wie ein Storch. Auf dem Heimweg nach Kiel. In Todesfelde hingegen dürften an diesem Abend noch einige Hektoliter Korn geflossen sein. Und am kommenden Wochenende geht die Party bereits weiter, wenn die Werder-Reservisten zum Regionalliga-Aufstiegsduell im JODA-Sportpark erwartet werden. „Tofe“ dürfte erneut eher Außenseiter sein und das Dorf erneut durchdrehen.








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