8 Tage UK-Urlaub. Mit dem Sohn bereise ich den Süden der Insel: Brighton, Dorset, Bath, Stonehenge, Salisbury. Auch wenn die großen Zeiten des Kingdoms zweifellos vorbei sind, ist der Urlaub eine Freude. In sportlicher Hinsicht steht zunächst Rugby im Mittelpunkt. Im TV läuft die WM in Dauerschleife und in Bath werden wir gar Zeuge eines Universitätsmatches. Seinen Abschluss findet die Reise dann in London. Der Sohn sympathisiert schlauerweise mit den Spurs. In Ermangelung eines Heimspiels Tottenhams buchen wir wenigstens die kleine Stadiontour. Klar, die neue Arena ist beeindruckend, aber ein wenig wehmütig werde ich schon bei dem Gedanken, dass hier – auch mich schon einmal – einst die legendäre White Hart Lane zu Heimspielen empfing. Nach der Führung geht es dann direktemang in den Süden der Stadt. Livefußball! Unter den zur Auswahl stehenden Spielen haben wir den Drittligakick von Charlton Athletic gegen den FC Reading ausgewählt. Warum? Für das Top-Duell zwischen den beiden Unsympathen Chelsea und Arsenal gibt es keine sowieso viel zu teuren Karten, Brent- und Watford liegen zu weit außerhalb und bei den coolen O-Ori-Orientlern war ich schon mal. Also Greenwich. Hafencharme. Working Class und so. Charlton Athletic ist im Vergleich zu Millwall oder gar West Ham der familiärere und entspanntere Verein, das Valley ein schickes mittelgroßes Stadion mit Tradition. Der Club hat bessere Zeiten durchlebt, z. Zt. ist er im Mittelmaß der drittklassigen League One beheimatet. Noch schlechter bestellt ist es um die heutigen Gäste vom westlichen Rands Londons. Auch der FC Reading spielte einst erstklassig, liegt momentan aber in der League One auf einem Abstiegsplatz. Das schreckt die Reading-Supporter gleichwohl nicht ab, ihr Team zahlreich nach Charlton zu begleiten, der Jimmy Seed Stand ist rappelvoll. Während im Gästebereich schon einige Minuten vor Spielbeginn gesungen wird, geht es im Heimbereich erst mit dem Anpfiff los. Bis dahin trinkt sich der Support-Mob Charltons in den Katakomben warm. Support-Mob? Naja. Der ein oder andere Gesang wird angestimmt, richtig lautstark wird es selten. Die Unterstützung ist klassisch englisch eher spielbezogen, also zunächst mau, denn die erste Spielhälfte hat in sportlicher Hinsicht kaum etwas zu bieten. Während von Reading überhaupt keine Offensivaktionen ausgehen, sind auf der Heimseite immerhin Versuche auszumachen, die sich aber allesamt als untauglich erweisen. Der Kick hat zunächst Gähncharakter.
Nach dem Wechsel sind zunächst die Gäste aktiver, den ersten Treffer erzielt aber Charlton. Der Hightower im Sturmzentrum nickt eine punktgenaue Flanke über die Linie. Im Anschluss an dieses Tor erfährt das Spiel dann eine neue Dynamik, die Jungs aus Reading brechen ein, während bei Charlton insbesondere die von der Bank gekommenen frischen Kräfte auftrumpfen. Es folgen in relativ kurzer Zeit drei blitzsauber herausgespielte Tore. Die Stimmung auf den Tribünen steigt, die Gesänge werden vielfältiger, lauter, die Party kann beginnen. Und wir fühlen uns bestens unterhalten.
Kurz muss ich an die „Wochenendrebellen“ denken. Nein, mein Sohn ist kein Autist und die Frage nach dem Lieblingsverein ist längst beantwortet. Trotzdem frage ich, welchen Platz denn Charlton Athletic in seinem persönlichen Sympathie-Ranking einnehmen könnte. „Eher im oberen Bereich“, lautet seine Antwort. Wenn da nur nicht die beiden Maskottchen wären…








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