Während die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar nun also absurderweise tatsächlich wie geplant stattfindet, führt mich meine Suche nach dem wahren Spiel heute in die Marzipan- und Hansestadt Lübeck zum Regionalligatopspiel zwischen dem auf der Lohmühle beheimateten VfB und der Rautenreserve. 7505 Zuschauer sorgen für einen Zuschauerrekord in der nördlichsten und wohl tristesten aller Regionalligen, der die Lübecker in diesem Jahr entfliehen wollen (und vermutlich auch werden). Zur Rekordzahl tragen auch bestimmt 1000-1500 HSV-Fans bei, die es sich im Gästebereich sowie „auf der alten Holze“ gemütlich machen. Auf dem renovierungsbedürftigen Ding habe auch ich heute meinen Platz, den ich nach einem Zwischenstopp am Wurststand pünktlich zum Anpfiff einnehme. Auf dem Weg dorthin bahne ich mir meinen Weg durch eine Masse von – sorry! – Vollidioten. Dass es tatsächlich noch Menschen – auch Nazis – gibt, die in Thor-Steinar-Klamotten rumlaufen… Was für Opfer!
Diverse HSV-Lübeck-Freundschaftsschals lassen derweil vermuten, dass es heute friedlich bleiben wird. Und auch der gemeinsame Feind schweißt ja bekanntlich zusammen. Die Pappelkurve intoniert: „Scheiß St. Pauli!“, der Gästeblock derweil: „Scheiß Holstein Kiel!“. Ich schiebe das persönliche Unwohlsein wasweißichwohin und folge dem munteren Kick. Zur Pause führt der VfB nicht unverdient, hat er doch die besseren Chancen. Nach Wiederanpfiff zündeln die Lübecker Ultras, während die von ihnen angefeuerten Spieler defensiv unsortiert sind und so dem HSV-Nachwuchs den Ausgleich ermöglichen. Und – siehe da! – der sehr dicke Mann, der gemeinsam mit seiner sehr spiddeligen Partnerin schräg hinter mir sitzt – kann reden: „Nur der HSV!“ Seine weibliche Begleitung, deren Gesichtsausdruck vermuten lässt, dass sie schon sehr lange schweigt, zeigt hingegen keine Regung. Ich muss kurz daran denken, wie einst ein Berliner Fußballcop mir gegenüber äußerte, die meisten BFC Dynamo-Fans seien so dämlich, dass ihnen lediglich die Wortkombination „Scheiß Union“ stets abrufbar sei. Ich halte meinem Sitznachbar zugute, dass er immerhin drei Wörter aneinander zu reihen in der Lage war. Im Folgenden herrscht dann aber wieder Stille schräg hinter mir. Lübeck gibt wieder den Ton an und kurz vor Schluss klingelt es dann tatsächlich auch einmal im Gästekasten.
Mit dem Schlusspfiff beginnen die Feierlichkeiten. Ich mache mich auf zurück. In die Landeshauptstadt. Ätsch!






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