Zu gerne hätte ich mir ja in dieser Spielzeit einen Kick meines wankelmütigen 1.FC Köln in irgendeiner europäischen Metropole (Bukarest, Rom, Kopenhagen, Mailand, Rotterdam oder so…) bzw. auch irgendwo anders auf diesem Kontinent zu Gemüte geführt. Live und vor Ort. Die Losfee, einige Nizza-, Paris- und FC-Ultras (Yeah, Ultra-Bashing!) und die alten Herren vom Strafkomitee der Uefa hatten jedoch etwas dagegen. Die Losfee? Ja, ein Auswärtsspiel des FC im dänischen Silkeborg wäre doch fein gewesen. Quasi vor der Haustür. Allein: Es sollte nicht sein, der FC muss(te) in den Süden und Osten des Kontinents reisen, Silkeborg bekam zwar nix Kölsches, dafür mit Anderlecht, West Ham und Steaua Bukarest immerhin richtig geniale Oldschool-Gegner zugelost. Und da auch der Lokalrivale Silkeborgs, der im knapp 40 Kilometer entfernten Herning beheimatete Retortenverein FC Midtjylland mit Lazio Rom, Feyenoord Rotterdam und Sturm Graz attraktive Gegner zugelost bekam, kommt es in diesem Herbst zu wenigstens drei interessanten Eurodopplern in Mitteljütland. So schellt das Telefon heute für mich ebenda und dies zunächst in Silkeborg. Nach einem forschen Ritt durch Norddeutschland und Süddänemark erreiche ich den Ort. Das Stadion ist schnell gefunden. Es liegt irgendwo im Gewerbegebiet der Kleinstadt und sieht von außen aus wie eine überdimensionierte Lagerhalle des Dänischen Bettenlagers. Mit Fluchtlichtmasten. Drinnen hingegen überzeugt die Arena mit einem tatsächlich sehr individuellen Stil. Ansonsten ist es wie immer in Dänemark: Es ist alles ein wenig gemütlicher und kleiner und das Essen ist ungesund, aber lecker. Nach einer fulminanten Stadionwurst lasse ich das Drumherum auf mich wirken. Hinter 3,4 Fahnen haben sich auf der Heimseite ca. 200 Ultras versammelt, die Gegengerade ist rappelvoll, die Haupttribüne hingegen mäßig gefüllt. Einen Gästebereich gibt es auch. Gar nicht so wenige Rumänen haben den Weg in den Norden gefunden. Eine große Zaunfaune verrät, welcher Verein sich hinter dem sperrigen Kürzel „FCSB“ verbirgt: „This is Steaua Bucharest“. Zumindest teilweise, da es seit 2017 zwei Vereine gibt, die sich in der Tradition des ehemaligen Europapokalsiegers sehen. „FCSB“ ist der größere, reichere und etabliertere, der zudem – auch das ist gute Steaua-Tradition! – das Spielzeug eines in Rumänien mächtigen Mannes ist. Wo früher Ceausescu den Laden schmiss, hört nun alles auf Becali, einen homophoben Ultrarechten, der Corona-Impfungen verteufelt, da diese zur Folge hätten, dass insbesondere Sportler ihre Kraft verlieren würden. Da Becali nur umgeimpfte Spieler zu beschäftigen gedenkt, ist von den Gästen heute folglich Großes zu erwarten. Mit Kraft einerseits, insbesondere aber auch mit Spielwitz kommen jedoch die Gastgeber ins Spiel. Der Ball läuft flüssig und schnell, die Rumänen wirken überfordert. Nach sieben Minuten steht es 2:0. Und auch, wenn den – so verrät mir eine rasche Internetrecherche – im Schnitt bemerkenswert jungen Dänen nicht alles gelingt, das Team aus Bukarest läuft an diesem Abend chronisch hinterher. Kraftlos. Am Ende steht es 5:0 für Silkeborg. Wenn das Ceausescu… ach, lassen wir das. Und springen stattdessen fix ins Auto, um den Herningmotorvejen eben dorthin zu nehmen. War der Ticketerwerb für das Spiel in Silkeborg zuvor unkompliziert per Internet möglich, so muss ich in Herning mein Glück vor Ort versuchen. Der Ticketkauf über die Internetseite des FCM war für ausländische Käufer gesperrt, da ja Nicht-Dänen bekanntermaßen per se Feyenoord-Hools sind. Dabei finde ich ja, dass es in Rotterdam nur einen Verein gibt: Sparta! Wie auch immer, als ich heute zum zweiten Mal ein mitteljütländisches Gewerbegebiet entere, ist das Schmankerl zwischen dem örtlichen Verein und den falschen Rotterdamern schon angepfiffen. Ein Ticket kann ich dennoch noch ganz regulär am guten, alten Kassenhäuschen erwerben. Kurz nachdem ich meinen Platz eingenommen habe, treffen die Gäste erstmals. Insgesamt ist alles ein wenig größer als in Silkeborg. Der Heimsupport ist intensiver, der Gästesupport ist geordneter und lauter, das Spiel insgesamt auf höherem Niveau. Zur Pause führt Rotterdam mit 2:0, doch nach dem Wechsel kann der erfolgreichste der vielen dänischen Superliga-Plastikvereine zurückkommen. Kurz vor Ende gelingt gar der Ausgleich, so dass es mit dem Abpfiff doch noch etwas zu feiern gibt. Zwar ist dieser Abend nicht vergleichbar mit dem 5:1-Sieg gegen Lazio vor einigen Wochen, aber für den Verein dennoch eine weitere magische Europapokalnacht. Im Gewerbegebiet.



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